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Retrospektive Manoel Oliveira 2004

Wer ist Manoel de Oliveira?
1908 geboren, ist der Portugiese Manoel de Oliveira gewiss der älteste noch aktive Filmregisseur der Welt.

Die Avantgarde des Dokumentarfilms
1929 drehte er seinen ersten Film DOURO FAINA FLUVIAL, der 1931 noch als Stummfilm seine Uraufführung erlebt. Dieser Dokumentarfilm, von Walter Ruttmanns BERLIN. DIE SINFONIE DER GROSSTADT (1927) inspiriert, wird heute zu den wichtigen Filmen der internationalen Avantgarde gerechnet.

Diktatur versa Kreativität
Nach vielen, zum Teil Jahrzehnte andauernden Unterbrechungen fand Manoel de Oliveira erst in den 70er Jahren im Alter von über 60 Jahren zu einer kontinuierlichen Filmarbeit. 1974 war durch die Nelkenrevolution die 48jährige Diktatur in Portugal auf friedliche Weise zu Fall gebracht worden, und die ganze Welt schaute gebannt auf die Entwicklung der jungen Demokratie in einem Land, das man bis dahin kaum wahrgenommen hatte.

Auf der Straße des Ruhms
Seit den 90er Jahren steigerte Oliveira seine Produktivität auf mindestens einen Film pro Jahr. Seine Filme liefen auf Festivals wie Cannes und Venedig – auch das Münchner Filmfest widmete ihm 1995 eine Hommage –, wo sie Bewunderung und Begeisterung, aber auch Befremden hervorriefen. Obwohl Manoel de Oliveira mit zahlreichen Preisen geehrt wurde, fanden seine Filme nur selten den Weg in die kommerziellen Kinos.

Schlüsselwerke
Die »Tetralogie der gescheiterten Lieben« O PASSADO E O PRESENTE (VERGANGENHEIT UND GEGENWART, 1971), BENILDE OU A VIRGEM MAE (BENILDE, JUNGFRAU UND MUTTER, 1975), AMOR DE PERDICÃO (VER-HÄNGNIS DER LIEBE, 1978), und FRANCISCA (1981) ist das Schlüsselwerk zum Verständnis von Oliveiras Vision der Welt und des Kinos. Hier hat er ein Leitmotiv und seine ihm eigene Filmsprache gefunden, die er in modifizierter Form bis heute beibehalten hat. Allen Figuren gemeinsam ist die Sehnsucht nach dem Absoluten, im Guten wie im Bösen, und damit nach dem Unerreichbaren.

Das Absolute, die Liebe, der Verzicht
Die Liebe, so wie sie von Oliveiras Protagonisten ersehnt wird, gehört in das Reich der Utopie und ist zum Scheitern verurteilt. Ohne dem Anspruch an das Absolute abzuschwören, finden die Figuren erst in der Niederlage zu ihrer Identität und häufig auch zum Tod. Sie sterben an zerbrochenem Herzen oder an der Agonie ihrer Leidenschaft (AMOR DE PERDICÃO, FRANCISCA, später auch VALE ABRAÃO), an der Überhöhung ihrer Leidenschaft (BENILDE), oder aber sie projizieren ihre Leidenschaft auf den Tod, wie Wanda in O PASSADO E O PRESENTE, die nur ihre verstorbenen oder vermeintlich verstorbenen Ehemänner liebt, dem lebenden Ehemann hingegen nur Verachtung entgegen bringt.

Passion, die Suche der Frauen
Es sind vor allem die Frauen, für die sich Oliveira interessiert: sie sind es, die den elan vital verkörpern, während die Männer – zumindest dann, wenn es um die Beziehung von Mann und Frau zueinander geht – immer schwache, farblose Figuren abgeben. Nicht dass die Frauen immer nur das Gute und Reine verkörpern, sie werden sowohl als Heilige wie auch als verführerische Schlange, als Auslöserin allen Übels dargestellt. Aber sie alle leiden immer an ihren nicht gelebten Leidenschaften. Franciscas Frage »Gibt es keinen Mann, der mich liebt?« könnte man fast allen Frauenfiguren Oliveiras in den Mund legen. Wenn sie doch geliebt werden, wird die Liebe aus gesellschaftlichen oder selbst auferlegten Zwängen unmöglich: der Erhalt der Jungfräulichkeit soll als Treuebeweis ihrer idealen Liebe dienen. In LE SOULIER DE SATIN (1985), der Verfilmung des Theaterstückes von Paul Claudel, sagt der Mond, der Gesicht und Stimme einer Frau hat, zu Rodrigues: »Weisst du, dass sich Mann und Frau gegenwärtig nur im Paradies lieben können?« Rodrigues und Doña Prouhèze vereinigen sich nur im Geiste, niemals physisch. So hat Oliveira in Claudels Theaterstück den kongenialen Stoff gefunden, der das Grundmotiv seiner Tetralogie aufnimmt und verdichtet.

Das Welttheater, das Universum, die Utopie
Variationen desselben Themas finden wir auch in späteren Filmen wie OS CANIBAIS (1988), VALE ABRRAÃO (1993), PARTY (1996) und LA LETTRE (1999). Wird schon bei LE SOULIER DE SATIN das individuelle Schicksal in das große Welttheater integriert, überträgt Oliveira fünf Jahre später in NON OU A VÃ GLÓRIA DE MANDAR (1990) dasselbe Schicksal, das seine Individuen bislang dominierte, auf eine Nation. In NON …. geht es um die Geschichte Portugals, die Oliveira nicht als monströses Filmepos inszeniert, sondern als eine essayistische Reflexion über die verlorenen Schlachten, die Portugal im Laufe seiner 2000jährigen Geschichte erlebt hat. Es ist eine Apologie der Niederlage, eine Bewusstmachung der verflossenen Träume und eine neue Selbstfindung in der Position des Verlierers. Aus dem »Verhängnis der Liebe« wird das »Verhängnis einer Nation«. Geschichte wird hier als Erinnerung, als Traum dargestellt, in der die Zeit durch das sich melancholisch wiederholende Schicksal aufgehoben ist. Es gibt keinen Anfang und kein Ende, ein ewiger Kreislauf. »Dieser Film wollte NON sein, das lateinische NON. Es gibt eine Rede António Vieras aus dem 17. Jahrhundert, in der es heißt: ›Schreckliches Wort, dieses NON. Es gibt weder ein Vorne noch ein Hinten. Wie man es auch dreht und wendet, es bleibt immer ein NON.‹ « (Manoel de Oliveira). António Viera wird zitiert als derjenige, der von dem Traum der »Errichtung des Reiches Christi auf Erden« sprach. Ein universelles Reich, das alle Kontinente, Rassen und Kulturen umfasst, eine Utopie, die im Gegensatz steht zu dem Streben, die Welt durch politische und militärische Macht zu dominieren. Zehn Jahre später widmet Oliveira António Viera seinen Film PALAVRA E UTOPIA (2000). Oliveiras Anliegen, die Abgründe der menschlichen Seele und die condition humaine in den verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten zu erforschen, glaubt er nur verwirklichen zu können, indem er an seine Filme den Anspruch der höchstmöglichen Objektivität stellt. Das bedeutet für ihn, auf Psychologisierung und Aktion weitgehend zu verzichten.

Repräsentation und Deklamation: Gefilmtes Theater
Schon bei ACTO DA PRIMA-VERA (1963), jener Verfilmung der Passionsspiele im Norden Portugals – halb Dokumentarfilm, halb Spielfilm – hat er mit langen Einstellungen und dem deklamatorischen Vortrag der Mitspielenden ein Stilmittel gefunden, das zu seinem Markenzeichen werden sollte. In den darauf folgenden Jahren wird er diese Repräsentation des Wortes, des Textes, der sich selten an das Gegenüber wendet, sondern direkt für den Zuschauer im Kinosaal bestimmt zu sein scheint, noch kultivieren und verfeinern. »Gefilmtes Theater« nennt er seine Filme, die das Vortäuschen von Realität niemals anstreben, sondern immer auch die Künstlichkeit des Kunstwerkes vergegenwärtigen. Wie in einer Oper scheinen seine Filme oft wie eine Folge von Rezitativen und Arien.

Vom „Verhängnis der Liebe” zum „Verhängnis der Nation”
Befragt nach filmischen Vorbildern und Referenzen, nennt Oliveira Carl Theodor Dreyer, Robert Bresson und Jean-Marie Straub, auch wenn er sich zuweilen von deren rigorosem Stilismus entfernt – sei es durch überraschende Bilder und Stilbrüche innerhalb eines Films, sei es durch Filme wie OS CANIBAIS oder O PASSADO E O PRESENTE, die eher eine Verwandtschaft mit Luis Buñuel suggerieren Vom theatralischen Inszenierungsstil der früheren Filme hat sich Oliveira inzwischen etwas entfernt – das mag an den großen internationalen Stars liegen, mit denen er nun häufig zusammenarbeitet. Überraschungen wird es sicher noch einige geben mit Manoel de Oliveira: er dreht gerade einen neuen Film.


DAS PROGRAMM

Münchner Filmmuseum – St.-Jakobs-Platz 1 – 80331 München

DOURO, FAINA FLUVIAL (HARTE ARBEIT AM FLUSS)
Portugal 1931 18 min. Unterschiedliche Fassungen
Freitag, 16. April 2004, 21.00 Uhr (stumme Fassung)
Sonntag, 18. April 2004, 21.00 Uhr (2. Fassung von 1934 mit der Musik von Luís de Freitas Branco)
Mittwoch, 21. April 2004, 18.30 Uhr (3. Fassung von 1993 mit der Musik von Emmanuel Nunes)

PORTUGAL JÁ FAZ AUTOMÓVEIS (ES WERDEN SCHON AUTOS IN PORTUGAL HERGESTELLT)
Portugal 1938 9 min, OF.
Mittwoch, 21. April 2004, 18.30 Uhr

FAMALICÃO
Portugal 1939 24 min, OmfU.
Freitag, 28. Mai 2004, 21.00 Uhr

ANIKI-BÓBÓ
Portugal 1942 71 min, OmeU.
Sonntag, 18. April 2004, 21.00 Uhr

O PINTOR E A CIDADE (DER MALER UND DIE STADT)
Portugal 1956 27 min OmfU.
Freitag, 16. April 2004, 21.00 Uhr

O ACTO DA PRIMAVERA (DER LEIDENSWEG JESU IN CURALHA)
Portugal 1963 90 min, Ome.
Mittwoch, 28. April 2004, 18.30 Uhr

O PÃO (DAS BROT)
Portugal 1959/64 24 min, OF.
Mittwoch, 21. April 2004, 18.30 Uhr

A CAÇA (DIE JAGD)
Portugal 1964 21 min, OmfU.
Mittwoch, 28. April 2004, 18.30 Uhr

AS PINTURAS DO MEU IRMÃO JULIO (DIE BILDER MEINES BRUDERS JÚLIO)
Portugal 1965 16 min, OF.
Mittwoch, 21. April 2004, 18.30 Uhr

O PASSADO E O PRESENTE (VERGANGENHEIT UND GEGENWART)
Portugal 1971 115 min.
Freitag, 30. April 2004, 21.00 Uhr
Dienstag, 4. Mai 2004, 18.30 Uhr

BENILDE OU A VIRGEM-MÃE (BENILDE, JUNGFRAU UND MUTTER)
Portugal 1975 110 min, OmU.
Samstag, 1. Mai 2004, 21.00 Uhr
Mittwoch, 5. Mai 2004, 18.30 Uhr

AMOR DE PERDICÃO (DAS VERHÄNGNIS DER LIEBE)
Portugal 1978 261 min, OmU.
Sonntag, 2. Mai 2004, 18.30 Uhr

FRANCISCA
Portugal 1981 166 min, OmU.
Freitag, 7. Mai 2004, 21.00 Uhr
Sonntag, 16. Mai 2004, 18.00 Uhr

LISBOA CULTURAL (DAS KULTURELLE LISSABON)
Portugal 1983 58 min, OmfU
Dienstag, 18. Mai 2004, 18.30 Uhr

NICE À PROPOS DE JEAN VIGO (NIZZA A PROPOS JEAN VIGO)
Frankreich 1983 58 min, OmfU.
Dienstag, 18. Mai 2004, 18.30 Uhr

LE SOULIER DE SATIN (DER SEIDENE SCHUH)
Frankreich 1985 415 Minuten, OF.
Sonntag, 20. Juni 2004, 15.00 Uhr

A PROPOSITO DA BANDEIRA NACIONAL (DIE NATIONALFLAGGE)
Portugal 1987 7 min, OmfU.
Samstag, 22. Mai 2004, 21.00 Uhr
Dienstag, 25. Mai 2004, 18.30 Uhr

MON CAS (MEIN FALL)
Frankreich 1988 87 min, OmU.
Freitag, 7. Mai 2004, 18.30 Uhr
Sonntag, 16. Mai 2004, 21.00 Uhr

OS CANIBAIS (DIE KANNIBALEN)
Portugal 1988 98 min, OmeU.
Mittwoch, 19. Mai 2004, 18.30 Uhr
Freitag, 21. Mai 2004, 21.00 Uhr

NON OU A VÃ GLÓRIA DE MANDAR (NON ODER DER VERGÄNGLICHE RUHM DER HERRSCHAFT)
Portugal 1990 112 min, OmeU.
Samstag, 22. Mai 2004, 21.00 Uhr
Dienstag, 25. Mai 2004, 18.30 Uhr

A DIVINA COMÉDIA (DIE GÖTTLICHE KOMÖDIE)
Portugal 1991 140 min, Ome.
Sonntag, 23. Mai 2004, 21.00 Uhr
Mittwoch, 26. Mai 2004, 18.30 Uhr

O DIA DO DESESPERO (TAG DER VERZWEIFLUNG)
Portugal 1992 75 min, OmU.
Freitag, 28. Mai 2004, 21.00 Uhr

VALE ABRAÃO (AM UFER DES FLUSSES)
Portugal 1993 203 min, OmeU.
Montag, 31. Mai 2004, 19.00 Uhr

A CAIXA (DIE BÜCHSE)
Portugal 1994 93 min, OmU.
Samstag, 29. Mai 2004, 21.00 Uhr

O CONVENTO (DAS KLOSTER)
Portugal/Frankreich 1995 90 min, OmeU.
Sonntag, 30. Mai 2004, 21.00 Uhr
Dienstag, 1. Juni 2004, 18.30 Uhr

PARTY
Portugal/Frankreich 1996 93 min, OmeU
Mittwoch, 2. Juni 2004, 18.30 Uhr
Freitag, 4. Juni 2004, 21.00 Uhr

VIAGEM AO PRINCIPIO DO MUNDO (REISE AN DEN ANFANG DER WELT)
Portugal 1997 93 min, OmeU.
Samstag, 5. Juni 2004, 21.00 Uhr
Dienstag, 8. Juni 2004, 18.30 Uhr

INQUIÉTUDE (UNRUHE)
Portugal 1998 110 min, OmeU.
Sonntag, 6. Juni 2004, 21.00 Uhr

LA LETTRE (DER BRIEF)
Frankreich 1999 107 min, OmeU.
Mittwoch, 9. Juni 2004, 18.30 Uhr
Freitag, 11. Juni 2004, 21.00 Uhr

PALAVRA E UTOPIA (DAS WORT UND DIE UTOPIE)
Portugal 2000 130 min, OmeU.
Samstag, 12. Juni 2004, 21.00 Uhr
Dienstag, 15. Juni 2004, 18.30 Uhr

JE RENTRE À LA MAISON (ICH GEHE NACH HAUSE)
Frankreich 2001 90 min, OmU.
Mittwoch, 16. Juni 2004, 18.30 Uhr
Freitag, 18. Juni 2004, 21.00 Uhr

PORTO DA MINHA INFÃNCIA (DAS PORTO MEINER KINDHEIT)
Portugal 2001 62 min, OmeU.
Freitag, 16. April 2004, 21.00 Uhr
Dienstag, 27. April 2004, 18.30 Uhr

O PRINCÍPIO DA INCERTEZA (DAS PRINZIP DER UNSICHERHEIT)
Portugal 2002 133 min, OmeU.
Samstag, 19. Juni 2004, 21.00 Uhr

UM FILME FALADO (EIN GESPROCHENER FILM)
Portugal 2003 96 min, OmeU.
Samstag, 17. April 2004, 21.00 Uhr
Dienstag, 20. April 2004, 18.30