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Filme statt Bomben Zwanzig Jahre Deutscher Herbst
Im MFZ erschienen: DEUTSCHLAND IM HERBST – TERRORISMUS IM FILM
Publikation zur Filmreihe Hrsg. von Petra Kraus/Natalie Lettenewitsch/Ursula
Saekel/ Brigitte Bruns/Matthias Mersch 139 Seiten, 56 Abb. (erhältlich im Buchhandel
unter ISSN 1434-4572 oder zu bestellen beim
MFZ) Filmographie, dokumentarischer Quellenteil (mit Texten u.a. von Holger Meins, Rainer
Werner Fassbinder und dem Regisseurskollektiv von „Deutschland im Herbst" sowie neuere
Aufsätze von Diskussionsgästen der Reihe, z.B. Wolfgang Landgraeber, Ulrich Kriest,
Tilman Baumgärtel, Margarethe Huber, Christof Wackernagel
„Deutschland im Herbst" 1977: Hanns Martin Schleyer wird entführt und
ermordet, die Passagiere der „Landshut" entführt und befreit, die RAF-Häftlinge
Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe nehmen sich das Leben. Kulmination einer
Entwicklung, die lange vorher ihren Ausgang genommen hat. Welche Bilder haben Filmemacher für
die Ereignisse jener Zeit gefunden, und was ist die politische wie filmische Vorgeschichte dieser
Bilder?
1962, im letzten Jahr der Kanzlerschaft Adenauers veröffentlichen 26 junge
Regisseute in Oberhausen ein Manifest, in dem sie den Anspruch verkündeten den „neuen
deutschen Spielfilm zu schaffen". Es sollte noch einige Jahre dauern, bis sie diesen Anspruch
einlösen konnten. Der Aufstand gegen „Papas Kino", das biedere Verdrängungskino der
50er Jahre. ging zeitlich etwa einher mit dem Aufstand gegen „Papas Staat", in dem 1966 ein
Ex-NSDAP-Mitglied, Bundeskanzler geworden war. Der Zorn auf die NS-Väter, Empörung
über den Vietnam-Krieg, Radikalisierung durch den Tod Benno Ohnesorgs, Dutschke-Attentat und
Notstandsgesetze brachten Anfang der Siebziger die „Rote Armee Fraktion" und die
„Bewegung 2. Juni" hervor. Ein Mitglied der ersten RAF Generation : Holger Meins, Student der
Deutschen Film- und Femsehakademie Berlin.
Fassbinder sagt später: er mache Filme, statt Bomben zu schmeißen.
Linksintellektuelle und als solche verstanden sich die Neuen Deutschen Filmemacher
größtenteils galten als „geistige Brandstifter", der „Sympathisant" wurde
zum Schlagwort und zur Schlagwaffe – „die Bölls sind schlimmer als die Meinhofs",
hieß es, und was für die Bölls galt, galt auch für die Fassbinders. 1977 taten
sich Böll, Fassbinder und zehn weitere Regisseure zusammen und inszenierten im KoIlektiv ihre
Eindrücke von jenen ,,Deutschland im Herbstt' – Viele der mittlerweile etablierten
Protagonisten des Neuen Deutschen Films, der einmal Junger Deutscher Film hieß, setzten sich
in einem oder mehreren ihrer Werke mit Geschehnissen und Stimmungen dieser Zeit und ihren Wurzeln
auseinander neben Fassbinder u.a. Margarethe von Trotta und Reinhard Hauff (in dieser Reihe mit je
zwei Filmen vertreten). Sie befanden sich dabei häufig im Zwiespalt: zum einen bemühte
Distanznahme zum Terrorismus, zur Gewalt; zugleich aber das schlechte Gewissen, ein
„bürgerlicher Verräter" zu sein, die Scheu und mangelnde Selbstdistanz, an linken
Heldenmythen zu kratzen. Wenn die RAF mehr ein Mythos als eine real wirksame politische Bewegung
war, ist in diesem Zusammenhang die Frage interessant, inwieweit Filme zu dieser Mythologisierung
beigetragen oder sie zementiert haben. Das angebliche „geistige Brandstiftertum", es hat aber
auch eine Umkehrwirkung – nämlich die eigene Radikalität zu entschärfen.
Daß z. B. „Deutschland im Herbst" den Bundesfilmpreis erhielt und „Stammheim" den
(wenn auch umstrittenen) Berliner Bären, zeigt die Fähigkeit der bürgerlichen
Kultur, die Rebellion gegen sich ästhetisch zu vereinnahmen, sozusagen zu absorbieren –
Integration statt lsolation. Es ist oft formuliert worden, nach Stammheim (oder nach Schleyer)
werde die Bundesrepublik nicht mehr dieselbe sein. „Stammheim" 1985 (nicht Stammheim 1975)
zeigt jedoch, daß sie dieselbe geblieben ist. Ähnlich Heinrich Breloers
quotenträchtiges Fernseh-"Todesspiel", weitere zehn Jahre später.
Wenn wir heute aus dem (noch nicht allzu großen) zeitlichen Abstand heraus die
Chance zu einer schärferen, weniger befangenen Analyse haben – wer ist da, diese Chance
zu nutzen? Die Nachkommen der Neuen Deutschen Filmer haben sich vom Autorenkino verabschiedet und
betrachten sich mehrheitlich als apolitisch (und sie drehen, Ironie der Filmgeschichte, als
,,German Classics" Remakes von „Papas Kino"). Wenige Ausnahmen. Der ,,jüngste" Spielfilm
dieser Reihe: ,,Die Terroristen" von Philip Gröning – hier sind Terroristen nur noch
C!owns, Klamaukgangster, verwöhnte, frustrierte und letztlich unpolitische Konsumkinder (nicht
unähnlich Fassbinders „Dritter Generation" schon erstaunliche 13 Jahre früher). Und
„Todesspiel"? Fernsehunterhaltung mit glatter Oberfläche, Faction-TV, das den
,,Deutschen Herbst" hauptsächlich auf seine Krimispannung reduziert und kaum Fragen
offenläßt. Insofern ist der Film, der dieser Veranstaltungsreihe ihren Namen gibt,
programmatisch: ,,Deutschland im Herbst" ist in seiner heterogenen Form (bedingt durch die
unterschiedlichen Handschriften seiner Macher) zumindest ein Versuch, die Vielschichtigkeit der
Realität zu zeigen – damals freilich noch im unmittelbaren Bann der Ereignisse. Aus
Anlaß des nun zwanzigjährigen „Jubiläums" wird die RAF in diesen Tagen zu
Historie erklärt; wenn etwas Geschichte wird, sollte die (auch ästhetische)
Auseinandersetzung jedoch nicht abgeschlossen werden, sondern erst beginnen.
Natalie Lettenewitsch
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