Münchner Filmzentrum
FRIEDA GRAFE

[ Foto: Courtesy Brinkmann & Bose, Berlin ]

 

Eine Klasse für sich – die Filmkritikerin Frieda Grafe

Frieda Grafe brachte eine neue Art, Filme zu sehen und darüber zu schreiben, in die Welt. Nicht ganz unschuldig daran war Paris, wo sie während ihres Studiums der Germanistik, Romanistik und Philosophie ein Auslandssemester verbrachte. An der Sorbonne kam sie in Kontakt mit den «Cahiers du Cinéma» und den Schriften der  Strukturalisten wie z.B. Roland Barthes und Julia Kristeva. Deren Denkweise, Ereignisse und Phänomene zu analysieren, sollte ihre Sicht auf Film von Grund auf verändern.

Statt Filme zu bewerten, konzentrierte Grafe sich in ihren Texten darauf, mit allen Sinnen zu analysieren und zu beschreiben, was sie zu sehen bekam. Dabei entwickelte sie einen eleganten Schreibstil, der gleichzeitig intellektuell wie assoziativ, zuweilen fast schon montageartig war – oft mit einer Prise spielerischer Leichtigkeit und subtilem Humor. Das Besondere war, wie sie den Film mit all seinen ästhetischen Dimensionen in Verbindung brachte mit anderen Künsten – und ihm dadurch ein weites Feld erschloss. So fanden nicht nur Gedanken aus Literatur, Linguistik und Philosophie Eingang in ihre Texte, sondern auch Anregungen aus Malerei, Photographie, Architektur, Musik oder Mode. Darüber hinaus fand der Geist der Zeit nicht zuletzt durch feministische Perspektiven Eingang in ihr Schreiben. In ihren Texten spann sie faszinierende Netze aus erleuchtenden Assoziationen und – zum Teil verfblüffenden – Zusammenhängen. Dabei legte sie immer wieder auch Spuren zu weiter führenden Gedankenketten – überraschende Gedankensprünge nicht ausgeschlossen! Die Filmgeschichte als Rahmung hatte sie dabei immer mit im Blick.

Bei der Suche nach dem „eigentlichen“ Kern des Kinos – das, was es von allen anderen Künsten unterschied, war die Analyse von Strukturen sowie der filmspezifischen ästhetischen Mittel ihr Leitfaden. Dem legendären Filmkritiker und geistigen Vater der Nouvelle Vague André Bazin (1918 – 1958) hatte sie einmal attestiert, das Kino „zu schützen vor der Reduzierung auf Aussagen, seine Eigenart zu begreifen, wozu es einen Sachverstand braucht, um seine Art zu denken in der formalen Intelligenz der Inszenierung zu erkennen“ (zitiert nach: steadycam 45 / 2003, S. 126) – dasselbe könnte man auch von ihren Texten sagen. 1983 schrieb sie:

„Die Dinge haben ihre eigene Logik nach der Erfindung der Kameras. Die Optik hat das beschreibende Subjekt verdrängt. […] Das Visuelle ist selbstständig. Die neue Sprache ist so konkret, weil sie nur noch den Augenblick zu treffen sucht, nicht abbildet, nicht darstellt.“ (zitiert nach: steadycam 45 / 2003, S. 125 / 126)

Dass sie der Sprache als Ausdrucksmittel für ihre Wahrnehmungen mißtraute, bedeutete einen grundlegenden Perspektivwechsel in der Art und Weise, wie ab den 1960er Jahren auch in Deutschland über Film geschrieben wurde. Dementsprechend stand auch die Frage nach den Aufgaben sowie dem Selbstverständnis der Filmkritik als Zunft auf dem Prüfstand. Es entbrannten heftige Debatten, gerade auch unter den Filmkritikern selbst. Der Diskurs lässt sich u.a. in der deutschen Zeitschrift «Filmkritik» nachlesen, die 1957 von ihrem Ehemann Enno Patalas mitgegründet worden war und seinerzeit eine Filmkritik im Geiste der soziologischen Theorien der Frankfurter Schule rund um Max Horkheimer und Theodor Adorno betrieb.

Grafe veröffentlichte ihre ersten Filmtexte ab 1962 in der Zeitschrift «Filmkritik». Sie verstand sich von Anfang an als Fürsprecherin der Nouvelle Vague in Deutschland – nicht zuletzt, weil die Filme dieser jungen Franzosen in vielerlei Hinsicht deutlich machten, dass die bis dahin vorherrschende Art der Filmkritik nicht mehr dazu taugte, die neusten Strömungen in der Filmkunst adäquat zu erfassen. Anstatt mit einem vorformulierten Gedankengerüst an einen Film heranzutreten (wie z.B. die ideologiekritische Filmkritik), beschrieb und argumentierte Grafe jeweils aus dem Film selbst heraus, indem sie die spezifischen Gestaltungsmittel des Mediums ernst nahm. Der damals dominierenden Methode der sprachlichen Analyse stellte sie ihre intuitiv-assoziative, sinnlich-analytische Herangehensweise entgegen.

 

Frieda Grafes Perspektive von ihrem Stammplatz im Kino des Filmmuseums.                  [ Foto: Idún Zillmann ]

 

Dabei legte sie ganz neue Einblicke in die Filmkunst frei, die u.a. deutlich machten, dass der Film als eigenständiges Medium zu gelten habe, das seine Besonderheiten, seine Stärken – aber auch: so manche Brisanz – gerade daraus bezog, dass es Gedanken und Phänomene ausdrücken konnte, die der – zumeist wohlgeordneten – Welt unserer Sprache nicht zugänglich sind. Ihre Texte zeugten nicht nur von höchstem Intellekt und Weitblick, sondern auch von Witz, Ironie und einem ausgeprägten Stilbewusstsein.

Mit ihrer Art, über Film zu denken und zu schreiben, inspirierte sie eine ganze Generation nachfolgender Filmkritiker nachhaltig – unter anderem auch den Münchner Filmkritiker Michael Althen (SZ, Zeit, FAZ). In einem Nachruf schrieb er über Grafes Filmtips: „[…] das waren keine Empfehlungen, noch nicht einmal Charakterisierungen, sondern buchstäblich Denkanstöße, wohlmeinende Einladungen, eine andere Perspektive zu wagen, sich nicht auf den ersten Blick zu verlassen. Wir saßen über diesen Botschaften vom anderen Stern als wären es Haikus.“ (zitiert nach: steadycam 45 / 2003, S. 124)

Grafe selbst beschrieb ihre Herangehensweise in einem Vortrag im Berliner Arsenal Kino 1989 so: „Ich versuche, aus meinen Eindrücken und Einsichten die generelle Farbe eines Films für den Leser zu rekonstruieren, um ihn zu veranlassen, selbst zu Schlüssen oder Annahmen zu kommen.“ (zitiert nach: Frieda Grafe (2006): Film für Film, S. 17) Dabei war es ihr Grundsatz, sich den zu besprechenden Film mindestens noch ein zweites Mal anzuschauen.

Außer in der «Filmkritik» (bis 1972) veröffentlichte Grafe ab 1968 auch in der «Zeit» und dann vor allem in der «Süddeutschen Zeitung». Außerdem gestaltete sie Fernseh- und Radiosendungen und übersetzte u.a. Filmbücher – darunter auch den populären Klassiker «Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?» von Francois Truffaut (zusammen mit Enno Patalas). Bis heute gehört Frieda Grafe (1934 – 2002) zu den angesehensten Filmkritikerinnen Deutschlands, die von vielen Kolleg*innen als unerreichtes Vorbild genannt wird. Sehr wahrscheinlich hält sie auch den Rekord für den kürzesten Filmtext aller Zeiten: Für ihren „Filmtip“ zum Stummfilm-Klassiker Panzerkreuzer Potemkin genügte ihr ein einziges Wort: „Montagekino.“ (Frieda Grafe: Ins Kino! Ausgewählte Schriften. Band 11, S. 204) – dem ist nichts hinzu zu fügen.

Der Hanser-Verlag verlieh Frieda Grafe einmal einen Preis für Filmessayistik. Dass sie die erste und einzige Preisträgerin war, sagt vermutlich ähnlich viel aus über ihre Qualität als Filmkritikerin wie über den Stand der Filmkritik in unserer heutigen Gesellschaft, die schon längst von ihrer ubiquitären Medienlandschaft überfordert ist und kaum noch Zeit zur (Selbst-)Reflexion findet. Auch deswegen fehlen heute Stimmen wie die ihre.

Mit ihrem Mann Enno Patalas verband Frieda Grafe eine außergewöhnliche, fast schon symbiotische Lebens- und Arbeitsgemeinschaft. Beide haben immer wieder betont, wie sehr die Ergebnisse ihrer jeweiligen Arbeiten auf den gemeinsamen Filmerlebnissen und Gesprächen beruhen.

Dementsprechend möchten wir im Rahmen der Patalas-Filmreihe auch dem wegweisenden Schaffen der Filmkritikerin Frieda Grafe Raum geben, indem wir einige ausgewählte Texte von ihr hier auf dieser Plattform präsentieren.

 

[ 1. ]   Zum Selbstverständnis der Filmkritik (1966)

[ 2. ]   Die Nouvelle Vague im Jahr 2000 (Aufsatz)

[ 3. ]   Zu Marlene Dietrichs 100. Geburtstag  (2001)

 

[ 4. ]   Ausgewählte FILMTIPS und KRITIKEN zu Filmen der Patalas-Filmreihe

 

[ 5. ]  Ausgewählte Bücher von / zu Frieda Grafe


»Der Realismus, den das Kino durchgesetzt hat, ist so verführerisch objektiv. Wie leicht vergißt man, daß er für uns aus einem Ausschnitt die ganze Welt macht.« 

(Frieda Grafe zu La femme de l'aviateur von Eric Rohmer, zitiert nach Steadycam Nr. 45 / Frühjahr 2003, S. 126)

 

[ Text: Idún Zillmann ]