Münchner Filmzentrum
ENNO PATALAS und das MÜNCHNER FILMZENTRUM

DAS FILMMUSEUM und sein Freundeskreis MÜNCHNER FILMZENTRUM e.V. (MFZ)

 

Enno Patalas 1999 bei der Vorstellung seines Buchs über Alfred Hitchcock                                          [ Foto: Filmmuseum München ]

 

Eine Gruppe von unabhängigen Filmenthusiasten, die Filmwissenschaftler und ~kritiker Ulrich Kurowski (später Archivar an der HFF) und Thomas Brandlmeier (später Leiter Pressestelle Deutsches Museum) schlossen sich Anfang der 1970er Jahre zu einem Filmclub zusammen mit der Schauspielerin Elke Haltaufderheide,  Filmproduzentin ihres Ehemannes, des Regisseurs Niklaus Schilling und Ingolf Bonset, der ein Münchner Programmkino betrieb sowie Jürgen Römhild, einleidenschaftlicher Sammler zur Filmhistorie.

Der „Megafilmclub“ (Brandlmeier) nannte sich ab 1973 „Münchner Filmzentrum – Freunde des Münchner Filmmuseums“ und  beabsichtigte eine „kritische Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart“ zu fördern und der „filminteressierten Öffentlichkeit als Kommunikationszentrum“ zu dienen.

Ein seltener Glücksfall für Enno Patalas, der sich als neuer Leiter der kommunalen Kinemathek 1973 der Herausforderung gegenüber sah, mit anfangs nur zwei Mitarbeitern und geringem Budget, ein anspruchsvolles Kinoprogramm zu entwickeln und eine Filmsammlung aufzubauen. Anders als sein Vorgänger Rudolf S. Joseph hatte er die Chuzpe, auf eine Generation junger Cineasten zu treffen (ähnlich den eigenen Anfängen), denen er die Chance anbot, nach eigenen Vorstellungen an zwei Tagen der Woche  das Filmprogramm zu gestalten, was sich zu einer außerordentlich produktiven Zusammenarbeit auswuchs. Ab Dezember 1973 nahm der (später gemeinnützige) Münchner Verein MFZ seine Arbeit auf, mit Ulrich Kurowski als erstem langjährigen Vorsitzenden und Thomas Brandlmeier als Geschäftsführer der  kommenden zehn Jahre.

Der Verein, der mit den Jahren eine Vielzahl von Talenten anzog wie Klaus Volkmer (1982-2018), der als Bibliothekar und Archivar zum Filmmuseumsteam stieß oder den Literaturstudenten und späteren SZ-Filmkritiker Fritz Göttler, der ab 1984 Stellvertreter des MFZ-Vorsitzenden und bald darauf Stellvertreter (1985-1992) des Leiters Patalas wurde, Ende 1992 dann aber zur Süddeutschen Zeitung wechselte. Der Verein band namhafte Vorstandsmitgliedern an sich: Claus M. Reimer, Heidi Pillatsch, Stefan Braun, Elfi Ledig, Margot Berthold, Hermann Barth, Werner Petermann, Petra Grimm, die zugleich wissenschaftliche Berater*, Rechercheure*, Herausgeber* und Autor*innen von Schriftenreihen des Filmmuseums waren, und die Broschüren wie begleitenden Informationsblätter zu den von Patalas verfassten Filmprogrammen fertigten. Auch ein Filmverleiher (Armin Schuppener) und an der Kasse ein Philosophiestudent (Tom Wimmer) gehörten zum eingeschworenen Kreis. Wichtige Mitarbeiter des Filmmuseumteams, waren die Filmvorführer Peter Syr, einst auch Patalas Stellverteter, Wolfgang Woehl,  Erich Wagner, Bernd Brehmer oder Gisela Eberspächer, zumeist ebenso Vereinsmitglieder, letztere stellten auch die enge Verbindung zum Werkstattkino her.

Bei einer Vielzahl von Veranstaltungen wie den Filmreihen, mit Seminaren und Publikationen standen sie dem neuen Filmmuseumsleiter zur Seite und trugen zum Ruf des Hauses und seiner internationalen Geltung mit bei. An die 800 Vorstellungen sollten es am Ende der Ära Enno Patalas  jährlich gewesen sein. Ab Ende der 1970er Jahre gab es Veränderungen im Team des Filmmuseums: 1978 ersetzte Gerhard Ullmann als neuer Restaurator und Technischer Leiter den ins Kulturreferat überwechselnden Peter Syr und trat Werner Biedermann für ein Jahr die neu geschaffene Stelle eines „Filmothekars“ an. Auf ihn folgte Gudrun Markowski-Weiss, 1982 wiederum abgelöst von Klaus Volkmer. 1988 übernahm zudem die Romanistin Petra Maier-Schoen eine Halbtagsstelle. Zum Team gehörten seit 1963 (mit Unterbrechungen) Angestelle im „Verwaltungsdienst“ wie Lissy Daikfuss, Silvia Bauer und zuletzt Eva Weniger im „Vorzimmer“ an, die den hektischen Betrieb einer Kinemathek mit rasant wachsendem Programmumschlag mit organisierten.

Die Zunahme der Vorstellungen, ein Anwachsen der Besucherzahlen und die Einbeziehung Münchner Institutionen und Privatinitiativen wie neuer Zielgruppen (Kinderkino, Jugendfilmclubs) war nur mit einer Anzahl von freiwilligen Helfern zu stemmen. Zu bedeutenden Filmreihen wurden (jeweils mit Publikationen) die Wiederentdeckung Karl Valentins (Fundsachen 1-3),  Hollywood Horror 1920-1960 (Teil I-II), Deutsche Spielfilme 1933-1945 (Materialien I-II), Das Kino der Ära Adenauer (Teil I-III), Italiens Film unter dem Faschismus 1929-1944. Dazu kamen die Sonderpublikationen zu Ozu Yasujiro, Film Noir, Ethnogafische Filme, Jäger und Gejagte sowie die KinoKon-Texte: Symphonie der Stummen Bilder, Nosferatu, Eine Sinfonie des Grauens und die SZ- Filmtips von Frieda Grafe, die bis zum Ende der Ära Patalas 1994 erschienen und für das Filmprogramm warben.

In diesen Jahren mauserte sich das Filmmuseum München zu einer Kinemathek mit Weltruf dank seines umtriebigen Leiters Enno Patalas und seiner teils „aktiven“ freiwilligen Helfer*innen aus dem großen Freundeskreis des MFZ. Dieser zählte in seinen besten Jahren über 2.000 (sogenannte passive) Mitglieder, angelockt vom niedrigen Mitgliedsbeitrag. Im Jahr 1992 der Ära Patalas stieg die Besucherzahl auf 32.000, was die Zustimmung der Münchner zu ihrem kommunalen Kino eindrucksvoll bezeugte. Eine Traumzahl! Sie erscheint heute, angesichts der umwälzenden technischen Neuerungen der letzten Jahrzehnte, mit einer Vielzahl der medialen Angebote und einem stetig steigenden Unterhaltungsaufgebot unerreichbar utopisch.

[...mehr nachzulesen in: 50 Jahre Filmmuseum München, Filmmuseum München / Münchner Filmzentrum e.V.  2013; www.muenchner-filmzentrum.de]

 

[ Text: Brigitte Bruns ]

 

1. Enno Patalas als Filmhistoriker und -kritiker

2. Enno Patalas als Leiter des Filmmuseums